Gelöbnis vor dem Reichstag - Rekruten stören sich selbst

taz 21.07.2008
Gelöbnis vor dem Reichstag - Rekruten stören sich selbst

Beim Gelöbnis vor dem Reichstag kommen die Bundeswehrrekruten auch ohne Störung durch Demonstranten aus dem Takt. Exkanzler Schmidt mahnt und Kanzlerin Angela Merkel langweilt sich.

VON S.BERGT & F.LEE

Doch von subversiven Elementen keine Spur. Das feierliche Militärzeremoniell gerät auch ohne Nackedeis aus dem Takt.
Die rund 3.000 geladenen Gäste der Festgesellschaft haben längst Platz auf der Tribüne genommen, die Flötisten des Stabsmusikkorps trillern bereits feierlich ihre Marschhymnen und die 500 Rekruten stehen stramm und bereit zum Befehl. Doch auf der provisorisch zum Appellhofplatz umgestalteten Wiese vor dem Reichstagsgebäude laufen Fotografen, Bühnenarbeiter und Bundeswehrsoldaten wild umher und brüllen sich Anweisungen zu. Erst als mit Verspätung gegen 19.30 Uhr die Limousinen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Exbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) vorfahren, legt sich der Tumult.
Das öffentliche Gelöbnis der Bundeswehr vor dem Reichstag verlief am Sonntag zwar weitgehend störungsfrei. Von einer feierlichen Stimmung war trotzdem nicht viel zu spüren. Das begann damit, dass die politische Prominenz die Einladung zunächst ausschlug - aus Urlaubsgründen. Daraufhin sprangen demonstrativ Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) ein. Dass die Kanzlerin den lauen Sonntagabend lieber bereits in der Uckermark verbracht hätte, ist ihrem Gesicht abzulesen, als sie mit gelangweilter Miene die Formationen abschreitet.
650 Meter vom Festschauplatz entfernt üben sich zur gleichen Zeit rund 200 Demonstranten in Geduld. Seit 18 Uhr stehen sie - weit von der Polizei abgeschirmt - und lauschen den Grußworten des Europaabgeordneten Tobias Pflüger (Die Linke). Zu ersten Rangeleien kommt es, als Polizisten ein Transparent mit der Aufschrift "Bundeswehrmacht in den Grenzen von 1988 - gegen deutsche Landser helfen rote Panzer" einkassieren wollen. Erst später erlauben sie es doch. Auch sonst geben sich die Kriegsgegner alles andere als pazifistisch - Demonstranten tragen Plakate mit brennenden Panzern und der Überschrift "Why not?".
Dann ein Knall. Ein Antimilitarist hat sich in den nahe gelegenen Tiergarten geschlagen und einen Feuerwerkskörper gezündet. Die Demonstranten johlen. Der Knall ist auch bei den offiziellen Feierlichkeiten zu vernehmen. Einige Zuschauer blicken irritiert auf. Sonst lässt sich die Festgesellschaft nicht beirren.
Exkanzler Helmut Schmidt bekennt in seiner Rede, dass er als Soldat während der NS-Zeit das Regime zwar für verrückt hielt, seinen verbrecherischen Charakter aber zunächst nicht erkannte. Als sich dies änderte, habe er wie Millionen andere dennoch weitergekämpft. "Wir waren zum Gehorsam gegenüber Obrigkeit und Staat erzogen und gedrillt worden", so Schmidt. Zugleich warnte er vor den fatalen Folgen obrigkeitsstaatlichen Denkens. Schmidt beendete seine Rede mit den Worten: "Es ist leider wahr, dass wir Menschen verführbar sind. Auch wir Deutschen bleiben verführbar."
Als der Höhepunkt des Abends, das Ablegen des feierlichen Gelöbnisses der Rekruten, eigentlich schon vorüber ist, kommt es auf der anderen Seite der Absperrungen doch noch zu Rangeleien. Polizisten stürmen zum Demo-Lautsprecherwagen. Der Grund: Für einige Sekunden ist aus den Lautsprechern ein Sirenenton ertönt. Sieben Leute werden insgesamt im Laufe des Abends festgenommen.
Beim offiziellen Gelöbnis ertönt auf der Zuschauertribüne zur gleichen Zeit Gelächter. Haben es die Störer am Ende doch noch durch die Absperrungen auf das abgeschirmte Gelände geschafft? Doch von subversiven Elementen keine Spur. Beim Zurücktreten der Abordnung sind zwei Rekruten aus dem Rhythmus geraten. Das feierliche Militärzeremoniell gerät auch ohne Nackedeis aus dem Takt.

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