Ein Meer von roten Nelken - Mehrere zehntausend Menschen ehrten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg

Pressebericht in: Neues Deutschland, 10.02.2005

Von Anke Engelmann

70.000 Menschen gedachten nach PDS-Angaben gestern in Berlin der 1919 ermordeten Arbeiterführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Die meisten von ihnen kamen mit einer roten Nelke, die sie an der Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde niederlegten.

Sonntagmorgen acht Uhr in Berlin: In der Morgendämmerung sind die Straßen menschenleer, nur wer wirklich was zu tun hat, ist unterwegs. Doch gestern war kein Sonntag wie jeder andere: Mehrere zehntausend Menschen hatten sich auf den Weg gemacht, um wie jedes Jahr der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zu gedenken.

Schon in der Früh herrschte reges Treiben vor dem Zentralfriedhof im Berliner Stadtteil Friedrichsfelde. Wo die Gudrunstraße mit der Rüdigerstraße zusammentrifft, hatte sich ein Markt aus Info-Ständen, linken Antiquariaten, Bratwurst-Verkäufern und Demo-Devotionalien aufgebaut. Das anwesende linke Spektrum ist breit gefächert: Vertreter von Luxemburg-Stiftung, PDS, Antifa, Cuba Si!, DKP, FDJ, MLPD, Spartakisten kämpfen gegen den Wind und rollen ihre Transparente aus. Polizisten beäugen kritisch ein etwa zwei Meter großes Bombenflugzeug aus Pappmaché. »Sie wissen, dass für heute Sturmwarnung gegeben wurde?«, fragt einer. Mitten im Treiben verkauft Beate Herz rote Nelken. 1000 Stück hat sie bestellt, eine geht für 50 Cent über den Tisch. Bislang habe sie erst zwei Stück verkauft, erzählt sie und lacht verlegen. Doch sie ist zuversichtlich: Es ist noch früh, und im Laufe des Tages werde sie die Blumen sicher los, sagt sie und hält ihren kleinen Hund fest. Der ist nervös: »Zu viele Leute«, erklärt die Blumenverkäuferin.

Schon jetzt, kurz vor neun, drängen immer mehr Menschen zur Gedenkstätte. Die meisten bringen ihre Nelke bereits mit. Pech für Beate Herz. »Meine habe ich auf der Straße gefunden«, erzählt ein älterer Herr. Vor den Eingangstoren zur Gedenkstätte der Sozialisten sammeln sich kleine Grüppchen. In der hellen Morgensonne stellt eine Schalmeienkapelle ihre Notenständer auf.

Die PDS hat einen kleinen Schirm unmittelbar am Eingang aufgestellt. Drei große Kränze, zwei rote und ein orangefarbener, warten auf ihren Einsatz. Langsam formiert sich der Trupp. Wie immer sind auch prominente Gesichter zu sehen: PDS-Vorsitzender Lothar Bisky und Petra Pau, für die PDS im Bundestag. Die Berliner PDS-Senatoren Harald Wolf, Thomas Flierl und Heidi Knacke-Werner sind zu sehen. »Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg haben für Frieden und soziale Gerechtigkeit gekämpft. Sie wollten eine bessere Gesellschaft als den Kapitalismus. Das wollen wir auch«, erläutert Stefan Liebich, Vorsitzender der Berliner PDS, den Grund für seine Anwesenheit. Sein Anliegen teilen viele, von weit her sind Menschen angereist. Auch Fausto Bertinotti, Chef der europäischen Linkspartei sowie die amerikanische Friedensaktivistin Angela Davis sind unter den Gästen. Gleich neben der Gruppe der PDS haben sich italienische Kommunisten der »Partido della Rifondazione Comunista« zum Gruppenfoto aufgestellt – »neu gegründete kommunistische Partei«, übersetzt jemand.

Ein Mann, an dessen Oberarm eine Ordnerbinde prangt, öffnet die großen Eisentore. Seit Anfang der Neunziger sorgt Olaf Liebig dafür, dass das Gedenken angemessen verläuft. Er nimmt seine Aufgabe ernst. »Es gibt einige Regeln, auf die wir achten«, erläutert der 38-Jährige. Auf dem Friedhof seien keine Transparente, keine Flugblätter und keine Megaphone erlaubt. Indes dringt leise Trauermusik aus den Lautsprechern. Gruppen von Menschen schlendern zum Gedenkstein, steigen die roten Stufen aus Porphyr hinauf und legen ihre Nelken nieder. Vor der Stele singt ein älterer Herr im braunen Anzug und dem rotem Käppi der Spanienkämpfer das Lied vom Kameraden Hans Beimler. Steht steif, mit erhobener Faust. Das Lied hat viele Strophen.

Die Gedenkstätte der Sozialisten hat schon Einiges gesehen. Auch in der NS-Zeit, als das Monument abgerissen worden war, wurde hier heimlich der Toten der Novemberrevolution gedacht. »Wer ist Franz Künstler?«, fragt ein Mann seine Frau. Beide schieben sich mit der Menschenmasse im Uhrzeigersinn an den Gedenksteinen vorbei, die im Kreis um die Stele mit der Aufschrift »Die Toten mahnen uns« gruppiert sind. »Siehste, hätt’n wer mal noch mal nachschauen können«, erwidert sie. Die Namen der anderen acht Arbeiterführer sind bekannter: Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Ernst Thälmann, John Schehr, Franz Mehring, Rudolf Breitscheid, Otto Grotewohl und Wilhelm Pieck. Auch auf dem Stein von Walter Ulbricht liegen eine Nelke und eine rote Rose. Auf dem Stein von Rosa Luxemburg türmen sich die Blumen.

»Auf, auf zum Kampf...«, schallt es kämpferisch von der Schalmeienkapelle herüber. »Unsterbliche Opfer, ihr sanket dahin...«, halten die Lautsprecher dagegen. Der PDS-Zug setzt sich in Bewegung. Hans Modrow, Petra Pau, Lothar Bisky und Fausto Bertinotti, tragen in der ersten Reihe die großen Kränze. Auch Europa-Abgeordneter Tobias Pflüger ist zu sehen. Oben ist inzwischen Warten angesagt: Geduldig stehen Alte wie Junge Schlange, fast alle halten eine rote Nelke in der Hand. Viele begrüßen sich gegenseitig, nicken sich zu.

Vor dem Friedhof machen Glühweinverkäufer in der Morgenkälte guten Umsatz. Per Megaphon ruft einer zur Montagsdemo, »Kuba – Im Fadenkreuz der USA – das Buch gibt’s dort anzuschauen«, preist ein anderer. Die Schalmeienkapelle »Fritz Weineck Berlin« spielt schwungvoll die Warschawjanka. Am anderen Ende des Marktes intonieren junge Leute im FDJ-Hemd zur Gitarre das Einheitsfrontlied. Eine ältere Frau mit brauner Kordmütze summt leise mit. Ununterbrochen strömen Menschen durch die Gudrunstraße. Es ist kurz nach zehn.

Zum selben Zeitpunkt beginnt am anderen Ende der Frankfurter Allee ein Demozug aus etwa 4000 Teilnehmern, so die Polizeiangaben. »Luxemburg, Liebknecht, Lenin – niemand ist unvergessen. Aufstehn und widerstehn«, lautet das Motto auf dem Leittransparent. Aus einem Lautsprecherwagen tönt Marschmusik. Der Demozug wird skeptisch beäugt von einer Gruppe von jungen Leuten, die am U-Bahn Eingang Samariterstraße mit schwarzen Fahnen warten. »Wir wollen nicht, dass nur die Jubelkommunisten, die Stalin und Lenin feiern, die Demo bestimmen«, erläutert einer. »Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht waren Freiheitskämpfer«, fügt ein anderer hinzu.

Ihre Skepsis ist angebracht. »Wir wollen Sozialismus und einen sozialistischen Staat«, erläutert ein junger Mann sein Transparent, auf dem »Roter Oktober« steht. »Marx, Engels, Lenin und Stalin sind für uns Klassiker«, fügt er hinzu. Seinen Namen will er nicht nennen. So wie er denken einige hier im Demozug – zumindest wenn man den Transparenten glaubt, die zu sehen sind. Da wehen DDR-Fahnen, Fahnen mit den Bildnissen von Thälmann, Stalin, Mao Tse Tung, Lenin im stürmischen Wind.

Nicht alle wollen sich davon vereinnahmen lassen. »Alle Macht den Räten – brecht dem System die Gräten«, erinnert ein Transparent an die Räterepublik und Luxemburg und Liebknechts Sympathien dafür. Dieser Block ist von Polizisten mit weißen Helmen umringt. Neun Festnahmen wegen Vermummungsverbot, Verstoß gegen die Auflagen zu den Transparenten und Widerstandshandlungen meldete die Polizei im Anschluss.

Indes reißt der Strom derjenigen, die zur Gedenkstätte strömen, nicht ab. Zehntausend seien es gewesen, so eine Polizeisprecherin, die PDS sprach von 70000. Die rote Nelke sei ein Demozeichen, erläutern Herr und Frau Hinze, die wie jedes Jahr gekommen sind. Obwohl auf dem Rückweg, haben sie ihre Nelken noch in der Hand. »Drei haben wir zum Gedenken hingelegt – zwei nehmen wir mit nach Hause«, meint Frau Hinz. »Die sind so schön langstielig.« Auf dem Friedhof versinken die Gedenksteine unter einem Meer von dunkelroten Nelken.

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